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Seerosen einmal anders...

Man kann versuchen, was man will: Eines Tages wird man vor einem Boot stehen und stammeln "... Das Teil da! ... Das da hinten! ... Nein! Nicht das! ... Das neben dem anderen da vorne, meine ich! ..." Nun kannst du dich aber beruhigen: Das ging schon unseren Ahnen so. Und deshalb erfanden sie zahllose Begriffe für all die kleinen und großen Dinge, die uns auf einem Boot begegnen.

Für den Anfang reicht es, wenn du weißt, was "Bug" und Heck" sind - "Steuerbord" und "Backbord" musst du allerdings schon für die grundlegenden Prüfungen - also den SBF See oder den SBF Binnen - wissen. Und wenn du dich mit anderen Wassersportlern unterhalten willst, dann kann es nicht schaden, ein paar zusätzliche Vokabeln zu lernen.

Wenn du unsere Plattform bereits kennst, dann weißt du: Bei uns wirst du nicht ins kalte Wasser geworfen. Wir arbeiten uns Stück für Stück in die Materie ein ... und fangen, wie üblich, mit den wichtigsten Vokabeln an...

Im Namen der Rose

Den Begriff Kompassrose kennen wir alle --- zumindest gehört haben wir ihn schon. Und da der Kompass uns auf all unseren (Wasser-)Wegen auch stets begleitet, schauen wir mal genauer hin:

Zu Zeiten, als man sich noch Mühe gab, den Kompass wunderschön zu gestalten, entwickelte sich auch der Begriff der Rose. Es ist leicht zu erkennen, warum man auf diese Idee kam, nicht wahr?!

90° = Haupt-Himmelsrichtung
Damals war die Welt noch in Ordnung. Man teilte den Kompass nicht in 360 Grade, sondern in die Haupt-Himmelsrichtungen Nord, Ost, Süd und West ein und hatte ein - im Wesentlichen - hinreichend genaues Maß, seine Richtungen auf dem Wasser und an Land zu beschreiben.

Das waren die Zeiten, als Uhren noch aus Kerzenwachs bestanden und ungefähr alle Stunde ein kleines Kügelchen aus dem Wachs fiel, um den Fortschritt der Zeit anzuzeigen.

45° = Neben-Himmelsrichtung
Später dachte man sich "Mensch, immer nur nach Norden, Süden, Osten und Westen fahren zu können, ist ganz schön langweilig geworden! Ich will auch mal kucken, was dazwischen ist!" ... und man erfand die Neben-Himmelsrichtungen Nordost, Südost, Südwest und Nordwest. Damit konnte man nun schon Winkel von 45° beschreiben und war nicht mehr auf die 90°-Drehung angewiesen.

22,5° = Neben-Neben-Himmelsrichtung
Als auch das nicht mehr reichte, musste man deutlich kreativer werden: Man unterteilte die Neben-Himmelsrichtungen nochmals in Neben-Neben-Himmelsrichtungen: Nordnordost, Ostnordost, ... usw. ein.

Für einen Einsteiger ist das oft völlig krude und verwirrend, aber eigentlich ist der Trick ganz einfach (logisch, denn selbst ungebildete Seeleute haben das vor Jahrhunderten schon verstehen müssen, ohne ein Studium zu absolvieren): Man teilt die Neben-Neben-Himmelsrichtungen nach ihrer Gewichtung - also der Richtung in die sie "eher zeigen" - ein:

  • Nord-Nord-Ost zeigt also "fast nach Norden, aber ein bisschen nach Osten"
    Also muss es zwischen Nord und Nordost liegen.
    .
  • Ost-Nord-Ost zeigt demnach "fast nach Osten, aber ein bisschen nach Norden"
    Wetten, dass du es zwischen Ost und Nordost findest? 

 

Wat soll der Quatsch?

Da isser: Der Grund, warum wir den Kompass zersägen. Hier stecken unsere krummen Positionslichter drin.

Als man die Positionslichter erfand, gab es die Gradeinteilung einfach noch nicht. Stattdessen kannte man nur die Himmelsrichtungen und deren Unterteilungen. 

Der Winkel des grünen Positionslichts reicht von Nord (N) bis Ostsüdost (OSO) und überdeckt folglich exakt unsere 112,5°.

90° (Ost) + 22,5° (OSO) = 112,5°

Der Winkel des roten Positionslichts reicht von Nord (N) bis Westsüdwest (WSW) und überdeckt ebenfalls exakt 112,5°.

90° (West) + 22,5° (WSW) = 112,5°

Für das Hecklicht bleibt der Winkel zwischen Ostsüdost und Westsüdwest, was nach Adam Ries genau 135° macht.

360° (Vollkreis) - (2 * 112,5°) = 135°

So einfach ist das ... eigentlich.

32 Striche sind eine Kompassrose?

Wer genau hingeschaut hat - und wer es bisher noch nicht getan hat, sollte es jetzt machen -, dem ist aufgefallen, dass wir anscheinend auch noch Neben-Neben-Neben-Himmelsrichtungen haben.

Und so ist es wirklich. Eines Tages reichten auch die Neben-Neben-Himmelsrichtungen nicht mehr aus. Man wollte noch genauer wissen, wie man Richtungen beschreiben kann. Und man dachte sich "Okay, dann unterteilen wir die Neben-Neben-Himmelsrichtungen halt noch einmal!"

Zwischen Nord (N) und Nordnordost (NNO) liegt eine weitere Unterteilung, die wir mit dem Wörtchen "zu" beschreiben:

  • Nord zu Ost (NzO) ist also genau zwischen Nord (N) und Nordnordost (NNO).
  • Ostnordost zu Ost (ONOzO) ist ... Genau! ... zwischen Ostnordost (ONO) und Ost (O) zu finden.

Wir können zusammen noch ein Beispiel machen: 

  • Westsüdwest zu West (WSWzW) liegt nach dieser Regel zwischen Westsüdwest (WSW) und West (W)

 

Diese Unterteilungen nennen wir in der Seefahrt auch Kompassstriche oder einfach Striche. Da sie die 1/16-Einteilung des Kompasses nochmals untergliedern, können wir nun schon 32 verschiedene Kompassrichtungen - also genau 11,25° - beschreiben.

Kochrezept zur Namensgebung:
Man nehme
  1. den Namen des - im Uhrzeigersinn vorangehenden - Viertels oder Achtels
  2. den Namen des nächsten Viertels
  3. und setze ein "zu" dazwischen.

Et voila! Da haben wir den Namen auch schon. ... Wenn das nicht einfach ist!

 

Testen wir es: Wir wollen die Richtung zwischen Südwest (SW) und Westsüdwest (WSW) haben. Der Name lautet also Südwest zu West (SWzW).

Kryptisch? Sicher doch! ... Geht's einfacher? Na klar!

Nachdem unsere Ahnen sich dieses tolle System ausgedacht hatten, blickten sie auf ihr Werk und bemerkten einen Schwachpunkt: Das war nicht mehr sinnvoll zu rufen. Deshalb kürzten sie den Begriff der Neben-Neben-Neben-Himmelsrichtungen in Striche ein.

Und das wiederum hatte den Vorteil, dass man nun auch relative Richtungen angeben konnte. Anstatt also den Rudergänger mit "Neuer Kurs 'NordOst zu Ost'" vollzuprellen, konnte man auch einfach "Rudergänger: 3 Strich Backbord!" rufen, ... vorausgesetzt, der alte Kurs war Ost.

Noch mehr Striche...

Mittlerweile ist uns klar, dass das noch längst nicht das Ende der Geschichte ist. Selbst halbe und viertel Striche gibt es längst. Doch die braucht - wenn überhaupt - das Militär; wir nicht...

Praktischer Nutzen?

Auf dem Wasser ist es für Sportboote fast völlig unmöglich, einen Kurs gradgenau zu halten. Deshalb reichen im Regelfall Angaben in Strichen - als in 32stel der Himmelsrichtungen - völlig aus. Und insbesondere die "Old School"-Segler wissen es, trotz Kursplotter und GPS, bis heute zu schätzen...

Wenn du also irgendwann mal in die Verlegenheit kommst, dass dich jemand mit "Rudergänger: 8 Strich Backbord!" erschrecken will, dann brauchst du nur auf den Kompass zu schauen, die Zahl (beispielsweise 8) durch 2 zu teilen und vier Zacken an der "Standard-Kompassrose" gegen den Uhrzeigersinn (weil "Backbord") abzählen...

Und da du weißt, dass jeder Abstand zwischen den Haupt-Himmelsrichtungen genau 8 Striche beinhaltet, musst du am Anfang vielleicht noch kurz überlegen, aber schon bald wird es dir sehr angenehm - und völlig ausreichend - werden, auf diese Weise Richtungsangaben zu beschreiben...

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